Gründonnerstag – Dienen

PREDIGT AM GRÜNDONNERSTAG 2012 – Joh 13, 1-5, 12-15 Düsseldorf

Dienen

Gruß: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. –Amen.

Lesung: Fußwaschung Joh 13, 1-5, 12-15

Gebet

Liebe Gemeinde!

Das Predigtschreiben ist ganz nützlich für den Prediger: Da müssen die Gedanken in die Weite gehen und die Breite und eben auch die Vergangenheit. Wir Jungen mussten damals einen Diener machen, die Mädchen knicksten: die Älteren unter uns werden das auch erinnern. – Heute heißt das dann „Alte Schule“. Etwas trendiger: „Old School“. Und das definiert sich interessanterweise so: Das sind alte Dinge, die trotzdem oder gerade in der aktuellen Zeit noch angebracht sind. Oder anders gesagt: Wenn man mit anderen Personen respektvoll umgehen will, gelten die Benimmregeln von früher – man denke nur an den Freiherrn von Knigge noch immer.

Einen Diener machen – die Mädchen knicksten. Stets zu Diensten, stets der Ihrige: Da drückt sich aus, dass es zwischen dem Begrüßten (oder der Begrüßten) und dem Grüßenden eine wie man sagt soziale Beziehung gibt. Der eine ist dem anderen nicht egal, sondern wird als Mensch gesehen, dem man Achtung bezeugt. Kommt das am Ende aus dem biblischen Menschenbild: „Gott schuf den Menschen sich zum Bilde, zum Bild Gottes schuf er ihn, und er schuf ihn als Mann und Frau“? Der Mensch, jeder Mensch: kein Zufallsprodukt, kein Gencocktail, sondern von Gott gewollt und hoch geachtet, wie es in Psalm 8 heißt: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschenkind, daß du sich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und was im Meer geht. HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!“

Nun, der Diener ist eine bloße Geste, und die allermeisten, vor denen ich ihn machte als Junge, sie wollte eigentlich nichts weiter von mir. Ich musste ihnen nicht wirklich dienen. Vielleicht wirkte der Diener ja auch nach innen: Der, den du begrüßt: tritt ihm bis zum Widerruf, bis er sich’s selbst verscherzt, mit Achtung entgegen.

Johannes nun überliefert uns im Predigttext auch einen Dienst. Dabei fällt auf, wie ausführlich er alles schildert. Johannes – nicht nur er übrigens – schreibt kein Wort zuviel, wenn er etwas schildert. Daran hat Bert Brecht sich immer erfreut, er, der, obschon kommunistisch verankert, immer in der Bibel las. Seine dichterische Sprache ist sogar nachweisbar davon beeinflusst. (1928)Von einer Zeitschrift befragt, was auf den stärksten literarischen Eindruck gemacht habe, sagte er:„Sie werden lachen, die Bibel.“ Und da eben das Johannesevangelium. Er liess sich die Bachsche Vertonung von seinem Komponisten Hans Eisler immer wieder vortragen. Wenn es vertont ist – und dann noch von Bach – kann man beim Deklamieren nicht verfälschen. Das Wort und nichts als das Wort wirkt. Das ist übrigens auch der Sinn des Singens des Evangeliums z.B. in der Osternacht.

„Da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. “ Alles ist beschrieben, genau, aber ohne Gefühlsdusel. Ganz lapidar. Ohne Schnörkel. Unsere Empfindungen werden nicht ohne weiteres angesprochen.

Es ist eben dieser Vorgang, den wir meditieren sollen. Was geschieht da? Jesus macht, oder wie man im Schausiel sagen würde: gibt den Diener.

Nur ist es kein Schauspiel, es ist Wirklichkeit, Der Zusammenhang sagt uns: es ist das letzte Passafest, dass Jesus mit seinen Jüngern, der Kerntruppe, den Zwölfen, feiert. Es ist zugleich das erste Abendmahl. Und danach, danach! setzt unsere Erzählung ein. Darüber muss man schon stolpern. Denn die Füsse werden gewaschen, wenn man im Haus eintrifft, zu Hause oder wo auch immer. Dann erst setzt man sich zu Tisch. Diese verspätete Fußwaschung hier wird schon so zum Zeichen: Es geht um mehr als um das Füsse waschen. Der Dienst des Füße Waschens wird in den Mittelpunkt gestellt.

Die Füsse wusch ein Diener, ein Sklave vielleicht, aber auch ein Familienangehöriger: die Frau dem Mann, die Kinder auch. So war es üblich, so war es richtig.

Hier aber scheint es falsch zu laufen. Deshalb wird Petrus zunehmend ungeduldig, und als er an der Reihe ist, sagt er ganz richtig: „HERR, sollst du mir meine Füße waschen?“ War Jesus dieser Sklavenarbeit würdig? Das konnte Petrus nicht auf die Kette kriegen, das war doch falsch! Petrus dem Jesus, aber nicht umgekehrt! Aber Jesus lässt das nicht zu, und er antwortet merkwürdig dunkel: „Was ich tue, das weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.“ „Petrus, du verstehst es jetzt nicht, du erkennst nicht den Zusammenhang, in dem mein Handeln steht, aber warte, das kommt noch. Jetzt solltest du dir die Füsse waschen lassen.“

Ja, Jesus dient uns. Wir verstehen, was er meinte. Wir haben es da leichter als Petrus.

– Wie soll man das verstehen, wenn Jesus sagt: Wer gewaschen ist, bedarf nichts denn die Füße waschen, sondern er ist ganz rein.“ Gilt das nicht für die Taufe? Und dann die Geistliche Fusswaschung, die wir Beichte nennen? In der Taufe, dem Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geiste, da wird uns doch unsere Erbsündhaftigkeit abgewaschen. Und in jeder Beichte, der Fusswaschung gewissermaßen, da wird doch das, was wir als Gerechtfertigte, aber immer noch in der gefallenen Welt der Sünde Lebenden wieder verbockt haben, „abgewaschen“.

Und das ist möglich, weil eben Jesus für uns den letzten Liebesdienst getan hat, als er sich für unsere Sünden foltern und kreuzigen liess.

In jedem Abendmahl vergewissern wir uns seines Dienstes: „Für dich vergossen zur Vergebung der Sünden.“ In jedem Abendmahl stellen wir uns diesen Dienst erneut vor Augen. Da wird unser Herrscher unser aller Diener – und mehr noch. Alles nimmt er auf sich. Für uns. Sein Leben gibt er für uns – legt es ab, wie er bei der Fußwaschung seine Kleider ablegt und sich sklavengleich mit einem Schurz – wir würden sagen: mit einem Handtuch bekleidet – dem Schmutz der Jünger – dürfen wir sagen: der Sünde? – annimmt. Er will seine Jünger rein haben, ganz rein. Aller Schmutz muss weg, dazu fordert er Petrus geradezu auf. Keine Sünde ist zu klein oder zu schmutzig, keine falsche Scham bitte! Alles dürfen wir zu Jesus bringen: sollen es sogar, auch das, was wir oft genug überspielen, was wir nicht wahrhaben wollen oder vertuschen.

So ist jeder Gottesdienst ein Geschenk Gottes an uns, ein Dienst an uns. Das er sich für uns, um unseretwillen gegeben hat, das dürfen wir in jedem Gottesdienst an uns geschehen lassen: in jedem Schuldbekenntnis, in jedem Abendmahl.

Und dann ist es an uns, darauf zu antworten. Heute haben wir plötzlich das Gloria gesungen: Allein Gott in der Höh sei Ehr. In jedem Gottesdienst danken wir Gott, wir sprechen ihm zu, was nur ihm gebührt: Göttliche Ehre. Für sein Beschützen danken wir ihm. Wir bejubeln das Erlösungswerk, dass uns die Tore  des Himmel geöffnet hat.

Und zugleich lassen wir uns stärken: für unser Leben, dafür, dass wir die Sorgen und Nöte des Alltags tragen können. Und dafür, dass wir Gottes Liebe weitergeben. Das wir dienen, den Diener machen, und wiederum: nicht den Diener geben, als sei das Leben ein Schauspiel, sondern richtig dienen.

Jesus bleibt Herr, auch oder gerade weil er dient. Einen solchen Herrn hat sonst niemand! Islam bedeutet Unterwerfung, das wird ja auch fünf Mal am Tag gestisch eingeübt; wahrscheinlich gibt es im Hinduismus noch immer Menschenopfer, wir dürfen es nur nicht erfahren, das wäre zu peinlich, aber ab und zu kommt doch etwas heraus, was dann eilfertig als Tat psychisch Kranker deklariert wird.

Wir aber erwiesen Gott die Ehre, Gott dem Schöpfer, dem Allmächtigen, unserem Vater im Himmel zugleich: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, ja, wir verbeugen uns vor unserem Herrn, der uns aber gedient hat und noch immer dient. Weil wir ihm nicht egal sind, sondern seine Geschöpfe, die er liebt, nicht Gencocktails, sondern sein Willens.

Wir singen das zu Weihnachten: Das mag ein Wechsel sein: wir staunen in jedem Abendmahl, dem Mysterion, dem Geheimnis des Glaubens: Was für einen Herren haben wir!

Wenn heute Abend der Papst zwölf Menschen die Füße wäscht, dann wird genau das in diesem Ritus ausgedrückt: Jesus war demütig, dien-mutig bis zum letzten. Und das darf jeder seiner Nachfolger auch sein, also auch der Bischof von Rom und Patriarch der Kirche des Westens, der Papst. Es war der emeritierte Papst Benedikt XVI, der das neu akzentuierte, in dem der nicht wie üblich zwölf Priestern sondern zwölf Laien die Füße wusch.

Jemand hat vorgeschlagen, den Ritus in harmloserer Form zu praktizieren: Nein, keine Angst, wir waschen uns nicht die Füße. Das wäre ja was…Aber die Hände. Es wäre ähnlich genug. Wir würden dem Nächsten ganz nahe kommen – wir kennen das, wenn wir jemanden ein Pflaster aufkleben auf eine Wunde. Einem Fremden wischen wir auch nicht den versehentlich haften gebliebenen Kuchenkrümel von der Wange: zu nahe, zu intim. Distanz muss man wahren.

Aber wüschen wir uns gegenseitig die Hände: Wir würden uns dienen und dabei die Distanz aufgeben: es würde alles ganz persönlich ohne Vorbehalte. Da wird deutlich: Der Andere ist tatsächlich gemeint. So wie er ist. Ungeschützt, in letzter Ehrlichkeit. Er ist mit wichtig, so wie er ist.

Wir kennen das, wenn überhaupt noch, fast nur an den Rändern des Lebens. Wenn die Familie den Leichnam des Fortgegangenen wäscht, was in unserem Lande nicht mehr selbstverständlich ist.

Oder wenn der Säugling von seinen Eltern gewickelt wird. Dass muss er einfach an sich geschehen lassen. Er selbst kann es nicht, aber es ist unabdingbar nötig.

Da ist auf beiden Seiten Demut – beim Baby ohne andere Möglichkeit, bei dem Eltern bei dem, was sie tun.

Darüber denkt keiner nach, das ist so.

Aber genau so soll es sein, wenn Jesus an uns handelt: für uns gibt es keine andere Möglichkeit, unsere Sünde los zu werden, und Jesus ist sich nicht zu schade, die Windel, die wir mit Sünden gefüllt haben, wegzunehmen und zu entsorgen.

Und es sage niemand, er habe es nicht nötig! Petrus war der irrigen Ansicht. Und Jesus antwortet ihm: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“

Und das ist noch viel mehr als der Dienst. Die neuere Übersetzung der Bibel Gute Nachricht gibt den Vers so wieder: »Wenn ich dir nicht die Füße wasche, gehörst du nicht zu mir.«

Also anders herum: Wenn du Jesus an dir handeln lässt, gerade deshalb sogar, weil er und in dem er die Windel der Sünden wegnimmt, gehörst du zum ihm.

Die Fusswaschung, das sagte ich eingangs, findet statt, wenn man in das Haus eingetreten ist: nach Hause gekommen ist.

Seht, dort sind wir zu Hause: bei Jesus. Dort, wo er den Diener macht und wir uns so von ihm beschenken lassen dürfen. Denn „… der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen. Er kam, um zu dienen und sein Leben hinzugeben, damit viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden.“ (Mk, 10,45)

Und wo wir dann den Diener machen. Von Jesus immer wieder erneuert. Und in den Dienst gerufen, anderen Menschen zu helfen, damit sie lernen und kennenlernen unseren Herrn, den Diener, und auch ihm dienen, als erstes in der Anbetung.

Amen

(P. Winfried S. Küttner, PhD)

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