Meine Augen sehen stets auf den Herrn. (Sonntag Oculi)

Und Jesus setzte sich gegen den Gotteskasten und schaute, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten; und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; die machen einen Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt denn alle, die eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut alles, was sie hatte, ihre ganze Nahrung, eingelegt.

Markus 12, 41- 44

Gebet

Erleuchte meine Augen / die Wahrheit einzusehn/ und was vor dir kann taugen,/ zu tun und zu verstehn./ Gib mir dein Himmelslicht,/ ich kann ja diese Gaben/ von dir allein zu haben, /von einem andern nicht.

(Philipp Friedrich Hiller)

Warum tut die Witwe das? Wie kann man nur so handeln?

Wir kennen die Geschichte nur zu gut. Kurz ist sie und markant. Da besteht leicht die Gefahr, dass man schnell abwinkt. Alles verstanden, weiter bitte.

Da hat die Geschichte schnell nur die Witwe und ihre Scherflein im Brennpunkt. Die arme Frau. Wird ihre Armut hier gepriesen? Ist Geld behalten vor Gott schlecht? Schlimmer noch, so habe ich es schön gehört, aber nicht in der SELK: da wird die Geschichte zu Aufforderung, kräftig zu spenden, ja sogar zur Nötigung, den Zehnten zu geben. Den zehnten Teil seines Einkommens mag gerne geben, wer kann und will – aber wo steht das in der Geschichte?

Und ich füge noch hinzu: Über Geldspenden will ich überhaupt nicht predigen. Ich finde, das gehört nicht in eine Predigt. Außerdem staune ich immer wieder, wie nicht wenige SELK-Gemeinden bislang immer genug Geld aufgebracht hat, um die nötigen Ausgaben zu tätigen. Ja, in innerkirchlicher Solidarität ermöglichen sie, dass auch Gemeinden, die keinen eigenen Pastor bezahlen können, mit einem Pastor versorgt werden. So kommt die Düsseldorfer Gemeinde seit Jahren für mehr als 1,5 Pastoren auf. Da kann man nur dankbar sein gegenüber denen, die sich finanziell verantwortlich für ihre Kirche finden.

Es muss also etwas anderes an dieser Geschichte dran sein. Da sehen wir die Witwe. Wir erfahren über sie, dass sie arm ist. Mehr nicht. Leider. Arm muss ja nicht verarmt heißen. Sie hatte sicher nur knapp und kaum. Aber das heißt nicht, dass sie gar nichts hatte.

Eine Witwe in unserer Gesellschaft bekommt eine Rente oder Pension, wenn – davon gehen wir mal aus – ihr Mann ordentlich gearbeitet hatte oder gar sie selber. Unsere Witwe in der Erzählung hatte das nicht. Früher waren die Kinder, genauer die Söhne, die Altersversorgung. Wer alt wurde, kam aufs Altenteil, half noch, wo er konnte, und wurde von den Kindern versorgt. Und da es damals keine Wirtschaftswunder-folge-überflussgesellschaft war, lebten die Menschen etwas bescheidener. Das stände manchen heute gut an! Zudem es das heute auch noch gibt: Man muss nur über die Grenzen schauen. Der Organist Franz-Rudolf Eles und ich waren vor, ich glaube es waren drei Jahre über Karneval in unserer englischen Schwesterkirche zu Gast.Am Sonntag spielten wir im Gottesdienst in der Luther-Tyndale Memorial Kirche im Londoner Stadtteil Kentish Town. Der Gottesdienst war wahrscheinlich gut besucht. Danach gab es Kirchenkaffee, in England natürlich Kirchentee. Der Raum, indem sich das abspielte, der Gemeindesaal, ziemlich groß, war eher abgenutzt, schlicht, aber durchaus zweckdienlich. Die Gemeinde funktioniert trotzdem. Trotz der abgeplatzten Farbe. Die Menschen waren danach sehr gesprächsbereit, es gab Tee – Kaffe natürlich auch – und Kekse und viel Small-Talk und Freundlichkeit und Lachen. Es geht auch einfacher, wenn es sein muss. Und in Kentish Town muss es so sein – die englische lutherische Kirche schwimmt genauso wenig in Geld wie die meisten Engländer. (Übrigens war Sa morgen ein Gemeindeglied eifrig am Anstreichen! Ganz wie bei uns…)

So wird die Witwe gelebt haben: einfach und schlicht, arm, aber irgendwie geht es weiter. War sie dabei fröhlich? Nun, wenn sie für ihre Verhältnisse großzügig in den Gotteskasten einlegte, dann war sie wohl zumindest mit Gott im Reinen. Und wohlgemut.

Nun, so weit so gut. Warum aber legt sie alles, was sie in diesem Moment an Geld besitzt, ein? Ist das nicht albern, gar eine Lachnummer? Da ist dieser herrliche Tempel, ein gewaltiges Gebäude. Das Centro könnte man auf dem Gelände des Tempels bequem unterbringen! Viele Menschen sind da, sicherlich kluge Schriftgelehrte, vor denen die Witwe sich vielleicht noch ärmer und kleiner fühlte. Auch reiche Menschen sind da, und – man höre und staune  – sie legen viel ein, sie geben viel Geld, heißt es. Kein kritisches Wort über sie, was das angeht. Über ihre Opferbreitschaft, über ihren Reichtum. Von dem wird die Witwe wissen – warum legt sie ihre Pfennige in den Kasten, peanuts, kleinstes Kleingeld? Da sagt doch jeder: Soll die wenigstens ihre Pfennige behalten, die braucht sie nötig. Ob die im Gotteskasten liegen – was macht das schon aus…

Und doch: Sie geht hin, legt ein, ihre Scherflein, ein bißchen Kupfer, vielleicht auch 50 c, sogar 1 €, – geht fort. Sie sieht nicht die Schriftgelehrten, die Klugen, die Wissenden. Sie sieht die vielen nicht, das Ehrfurcht erheischende Gebäude ängstigt sie nicht. Sie schaut auch nicht auf ihr Leben: das hat sie überwiegend gelebt, sie hat es auf Gott zu gelebt, da kann man im Herbst des Lebens gelassener werden.

Sie rechnet nicht; der Rheinländer würde sagen, sie denkt im Blick auf Gott „Et hätt noch immer jot jejange!“ Darauf verlässt sie sich.

Das ist nicht rational. Das ist nicht geplant. Da gibt es keine Planungssicherheit. Das ist wider alle Vernunft.

Aber was ist es dann? Oder, anders: Wie oder warum kann die das so machen?

Ich muss dazu etwas anderes erzählen. Wenn wir die Witwe nämlich so beurteilen, dann folgen wir einem weit verbreiteten Irrtum. Der Irrtum ist eine falsche Definition von dem, was Glauben ausmacht.

Vor einer Woche – Freitag abend vor 8 Tagen – traf ich einen Mann wieder, nennen wir ihn Herr Planzke. (In seinem Stadtteil von – sagen wir mal Düsseldorf – kennen ihn wegen seines Berufs alle – vielleicht auch jemand von euch, deshalb also lieber ein Pseudonym.) Herr Planzke redet und hinterfragt gerne; das hat mit seinem Beruf nichts zu tun. Er ist eben so. Er redet auch unbekümmert und offen. Glücklicherweise, denn so kann man überhaupt mit jemandem nur reden. – Er sagte: Glauben, was ist das eigentlich? Wenn ich jetzt durch diese Tür gehe, hinter der etwas ist, das ich nicht kenne, also ich schaffe es durch die Tür zu gehen, dann ist das Glauben. Das hab ich der Pfarrerin auch schon gesagt.

Da musste ich doch lächeln. Denn die Pfarrerin beäugt er eher kritisch, allerdings ist er trotzdem zur Stelle, wenn man ihn benötigt. Kritisch ist er, aber nicht unsolidarisch. Und – nachgefragt habe ich nicht, was denn die Pfarrerin dazu gesagt habe. Da sollte ich sie lieber selber fragen, dachte ich. Ich überlegte dann mit ihm.

In dem, was her Planzke gesagt, sind zwei Momente nicht richtig.

Zum einen ist nach seiner Aussage Glauben nur dann da, wenn etwas allem (naturwissenschaftlichen) Anschein widerspricht. Wer kann denn durch ein Türblatt durchgehen? Und das ist natürlich Unsinn. Glaube ist das nicht; es wäre ein Wunder, wenn man es schaffte. Man könnte auch sagen, dass Glauben nicht heißt Unnsinnig-Unmögliches für wahr zu halten.  Wenn wir glauben, dann erkennen wir bisweilen, dass Gott Unmögliches möglich macht. Aber das ist es etwas anderes. Und es ist sinnvoll.

Der zweite Irrtum, so finde ich, ist viel schlimmer. Denn Glaube im christlich-jüdischen, ja irgendwo sogar im islamischen Sinne ist die Bezogenheit auf Gott, der sich Christen und Juden als ein zu duzendes Gegenüber zeigt. „Vater unser, der du bist im Himmel“: Vater – und du. Wenn also Gott dir sagte: Geht durch das Türblatt, und du machst dich auf, dann deshalb, weil du Gott glaubst, sprich: ihm vertraust. Ihm vertraust, dass er Unmögliches möglich machen kann. Aber von Gott hat Herr Planzke ja überhaupt nicht geredet. Seine Definition vergaß das Wichtigste: Den „DU“, das Gegenüber: Gott. –

Nun habe ich nie gehört, dass Gott so einen Unsinn fordert: Gehe durch das Türblatt.

Aber er macht etwas, dass die Witwe wohl gehört hat. Er sagt: Lebe im Vertrauen darauf, dass ich dich nicht im Stich lasse. Christlicher Glaube ist also nicht, Unsinn als Wahrheit anzusehen. Christlicher Glaube  ist vielmehr, die eigene Vernunft nicht als der Weisheit letzter Schluss anzusehen. Christen rechnen mit, nein, sie leben mit dem Du, mit Gott, der hilft und eingreift, auch wenn es total unvernünftig erscheint. Gott ist vernünftiger als unsere Vernunft, weiser als unsere Weisheit.

So lässt sich auch das Sprichwort verstehen: „Der Mensch denkt und Gott lenkt, der Mensch macht und Gott lacht.“

Die Witwe traut Gott zu, dass er lenkt. Ihre Gabe drückt nicht Unverstand aus, sondern Glauben. Sie kann Gott alles geben, weil sie in ihrem Herzen weiß, dass er ihr dann doch alles geben wird, was sie braucht, wie viel oder wie wenig das immer sein mag. Sie hat alle ihre Nahrung eingelegt, aber nicht alle Nahrung, die es gibt. Aber wichtiger: Sie hat ihren Glauben ausgedrückt. Und der heißt nicht „zwei Scherflein“, sondern „alles“. Total.

Das will Jesus sagen. Die Reichen geben viel, sagt er. Aber, so fragt er, glauben sie wirklich Gott total? Lehren sie ihren Geldbeutel ganz oder lassen sie einen Sicherheitsvorbehalt zurück – was ist, wenn Gott doch nicht….

Und bevor er sich den Reichen zuwendet, spricht Jesu zum Volk über jene Sorte von Schriftgelehrten, die aus dem Glauben und der Glaubensnot der Menschen Profit schlagen. Er warnt vor denen, die aus Religion Geschäft machen. Was ist mit deren Glauben, möchte man fragen? Ist da überhaupt Glauben? Sind sie ernsthaft Gottgläubige?

Die Witwe jedenfalls hebt sich von dieser Art Reichen und Schriftgelehrten ab. In ihrer Schlichtheit und Direktheit, in ihrer Ehrlichkeit zu sein, was sie ist: arm und verwitwet, ökonomisch von ihren Kindern abhängig, absolut abhängig von Gott. Was kann sie noch tun, noch machen, wie es in dem Spruch heißt? Was kann sie noch ausrichten? Sie kann nur noch eines: Sich auf Gott verlassen. So ist sie in ihrer Armut groß. Groß im Glauben. Sie hört auf Gott. Sie folgt seinem Wort. Deshalb kann sie alles geben. Ihre zwei Scherflein.

Aus dieser Begebenheit ist die Redewendung entstanden: „Sein Scherflein zu etwas beitragen.“ Ein Scherflein, sehr sehr wenig. Aber anscheinend mit guter Wirkung. In ihrem Verhalten, auf das uns Jesus aufmerksam macht, predigt uns die Witwe heute nach zweitausend Jahren noch, worauf es ankommt.

Die ganze Geschichte ist eine Aufforderung an uns alle. Jesus sitzt ganz ruhig und schaut und ist darin ganz deutlich: Bist du einer wie die Witwe – oder einer wie einige Schriftgelehrte oder wie einige Reiche? Wieviel traust du Gott zu, wieviel gibst du ihm von dir? Oder anders: Weißt du, woran du glaubst, an wen du glaubst? An deine finanziellen Reserven, an die Rentenkasse, an eine schöne äußere Frömmigkeit? Folgst du den Aktienkursen? Genügt es, in der richtigen Kirche zu sein? Oder gibst du deine Art von Scherflein, nämlich alles, was du an Vertrauen hast, Gott? Lebst du aus diesem Glauben, bestimmt dein Verhältnis zu Gott, so irgend möglich, dein Leben? Bist du zu Gott so schlicht und ehrlich wie diese Witwe? Folgst du Jesus? Seinem Anspruch an Wahrheit? Und, liebe Gemeinde, wir wollen uns nicht vertun. Auch wenn wir jetzt freudig ja sprechen – spätestens vor dem Zaun, der unser Anwesen umgibt, spätestens dann, wenn wir in das Missionsgebiet Deutschland eintreten, dann lauert einer auf uns, der uns lau machen möchte. Der von unseren Glauben kleine, unmerklichen Scheibchen abraspelt. Das Gebet wird flüchtiger, bis es entfällt. Tischgebet? das Essen wird doch kalt…Vom  Fernseher direkt ins Bett, ach ja, ich wollte noch beten – und schon bin ich eingeschlafen.

Feste-Burg-Kalender. Erst wird der Bibeltext in der Bibel aufgeschlagen. Dann heißt es, ja, den Text kenne ich bestimmt, mal lesen, was Herr Pastor dazu sagt. Und das Gebet unten – wie schnell man das doch lesen kann!

Aber es kommt nicht darauf an, was Herr Pastor dazu sagt. Es kommt darauf an, dass du vernimmst, was Gott dir zu sagen hat. Damit dein Glaube, dein Vertrauen in ihn neu gestärkt wird und dir klar ist, wie dein Weg zu Gott ist. Auch wenn es ein unangenehmer sein sollte. Da kann einem das Beten schwer werden, weil man lieber ausweichen möchte.

Nun ist heute der Sonntag Okuli – in der Passionszeit. Die Wochen, in der wir hoffentlich verstärkt an Jesu Leiden und Sterben für uns denken. Bis wir dann den Text wieder entdecken, als Jesus auf dem Ölberg gebetet hat: „Mein Vater, ist“s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Den bitteren Kelch des Zornes.

Was für ein Gebet! Und dann nimmt ihn Jesus, weil es um unseretwillen nicht möglich ist, dass der Kelch an ihm vorübergeht. Er trinkt völlig: Er lässt sich kreuzigen. Er gibt sich ganz, total.

Erkennt ihr die Witwe in diesem wieder? Jesus musste auf sie weisen. In ihrem Handeln zeigt sich abbildhaft Karfreitag. Jesus weist uns auf die Witwe. Die Witwe aber weist auf Jesus hin.

Ihr Glauben war total. Seine Hingabe war total. Folgen wir ihm nach. So kann unser Glaube wachsen, stark werden. So kann geschehen, was uns unvernünftig erscheint, aber Gottes Wille ist.

„Was mein Gott will, gescheh‘ allzeit, sein Will der ist der beste.“ (Herzog Albrecht von Preußen)

Ja, wie kann man nur so handeln, habe ich zu Anfang gefragt.

Mir scheint, jetzt müsste ich sagen: Man kann gar nicht anders sein und handeln.

Wenn man aus seinem Glauben lebt. Aus seinem Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

Dazu verhelfe uns unser lieber Gott.

Amen

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