Glauben?

5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein. Lk 17, 5-6

Da sagt Jesus: „Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!“ Zu einem Maulbeerbaum sollen die Jünger das sagen, wenn sie Glauben hätten. Einen Glauben, groß genug.

„Reiß dich aus.“ Da knien wir im Garten und wollen das Unkraut ausreißen – und reißen die Pflanze ab, die Wurzel aber bleibt in der Erde. 

Vor vier Wochen wollte ich in Schweden ein Bäumchen, fingerdick nur, ausmachen. Das ging nicht schlecht, es war ja lockerer Waldboden. Aber dann hatte das Bäumchen eine flache Wurzel, doppelt, drei Mal so lang wie es selbst. Ich zog und zog gegen den Widerstand. Schließlich, endlich gab es nach, da wäre ich fast umgefallen mit meinem schwachen Knie. Es ging gerade noch gut; vom Widerstand der Wurzel, die plötzlich nachgab, strauchelte ich schon und sah mich bereits auf dem Boden liegen.

Und der Maulbeerbaum nun soll besondern tiefe Wurzeln haben – wie will man die heraus bekommen…Hüten würde sich der Maulbeerbaum, den Worten Folge zu leisten, sich auszureißen zu lassen. Zu tief und zu fest sitzt er im Erdreich, das ist sein Platz und nirgends sonst! Und ins Meer verpflanzen – was soll er dort? Der Ort ist falsch. Er ist doch keine Alge! 

Was Jesus da fordert, ist jenseits menschlichen Vermögens und Verstehens. Aber genau das ist es: irrational. Glaube ist nicht rational. Vertrauen in Gott ist nicht landläufige Logik, die nur dem vertraut, was sie gesehen hat, was sie deshalb kennt.

Der Glaube in Gott ist etwas anders. Er ist nicht im Verstand gegründet, nicht in der Analogie der Erfahrungen. Der menschliches Verstand ist begrenzt. Oder sollte ich sagen: beschränkt?

Glaube ist nicht in der Vernunft begründet. Allerdings: Nach Kenntnisnahme und Verstehen dessen, was Gott uns in der Heiligen Schrift mitteilt, scheint es durchaus vernünftig zu glauben. Nur – damit glaubt man noch nicht.

Das Vertrauen in Gott begründet sich durch das Wunder Jesu. So, wie es im Brief des Apostels Paulus an die Philipper beschrieben ist. Es ist nicht ein Heilungswunder, dass Jesus vollbrachte, auch nicht, dass er Wasser in Wein verwandelte oder Tausende sättigte. 

Es ist etwas ganz anderes, etwas, mit dem ein Mensch nicht so schnell fertig ist.

„Christus, der in göttlicher Gestalt war, (hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern) entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.  (Phil 2)

Die Auferstehung benennt Paulus nicht, hingegen endet er das Werk Christi mit der Himmelfahrt, die ohne die Auferstehung nicht hätte stattfinden können: „Darum hat ihn auch Gott erhöht.“ Göttliches Handeln, nicht das des Eben-auch-Menschen Jesus.

Das ist das eigentliche Wunder: Immanuel, wie wir zu Weihnachten singen: Gott mit uns. So wichtig sind wir ihm, und egal bist du ihm wirklich nicht.

Das versteht man persönlich, erfährt man individuell. Und begreift plötzlich: Gott war mit mir, hat mir geholfen, wie auch immer. Kurze Momente der Gnade sind es, und das Gelernte und Gehörte: Immanuel, es wird bestätigt. 

Gott hat mir geholfen. Nicht zu materiellen Dingen, wie manche sich wünschen. Als ob es darauf wirklich ankommt!

Aber zu neuer Zuversicht. ER hat mir genommen, was mich krank macht, ER hat mir gegeben, was mich gesund macht. Psychisch gesund: Er hat mir vergeben.

Der Glaube, den Jesus meint, der ist übermenschlich stark und vermögend. So wie Jesus übermenschlich stark und vermögend war.

Der wahre GottMensch. 

Und da der Glaube in Jesus gründet, vermag er, was Jesus zuläßt: nämlich die einengende Wirklichkeit zu überwinden.

Nun magst Du sagen: Toll, aber wer hat das und wie geht das?

Da verweist Jesus auf das Senfkorn. Das ist ein Korn, da schnell vergleichsweise Großes hervorbringt. Hinter unserer Garage haben wir einen Nadelbaum, der schafft vielleicht 10 cm im Jahr. Das bewundern wir: Wir schaffen es nicht, diese 10 cm zu bewirken. Und es gibt Pflanzen, die wachsen doch langsamer, viel langsamer. Fleischfressende Pflanzen zum Beispiel, oder auch Orchideen.

Das Senfkorn ist da etwas flotter. In Israel sind Senfkörner kleiner als bei uns. Aber ein daraus wachsende Staude kann bis 10 m hoch werden. Das wäre ein zwei- bis dreistöckiges Haus! Im Markusevangelium lesen wir die Worte Jesu: „Das Senfkorn ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse. Es treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.“

Es zeigt uns: Dein Glaube kann ganz klein sein. Aber vertrauen auf Gott – er kann Großes wirken. Dein Vertrauen, dein Dich-Gott-öffnen. Dem Gottes Handeln an dir vorausgeht.

Das Senfkorn: Da geht noch was, da kommt noch was. Erstaunliches!

Ob Maulbeerbaum oder Senfkorn: Es ist nicht, was wir erwarten, es ist nicht, wie wir es erwarten. Es geschieht, was Gott will. Wie groß es Gott will. Und wir dürfen es zulassen, ihm nicht wehren. 

Mögen die Menschen um uns Christen herum uns für dumm halten, für naiv und altertümlich. Mögen sie Glauben als ein Ding ansehen, eine Haltung, die noch Hoffnung kennt.

Wir wissen: Glauben ist nicht ein Ding, es ist keine Haltung. Es ist ein so tiefes Vertrauen in Gott, in seine Gerechtigkeit, seinen Willen es gut mit uns zu meinen, dass uns das verändert. 

Der Schriftsteller Pascal Mercier schreibt in seinem Buch „Nachtzug nach Lissabon“:

„Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. . Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen… Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht betender Menschen… Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen… Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. All das brauche ich…. Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.“

Das sind schöne Worte. Und wir mögen ihnen zustimmen, so wie sie da stehen.

Aber sie reden nicht vom Christentum. Das scheint nur so. Sie reden nicht von dem Glauben, von dem Jesus redet.

Denn natürlich kann man Christ ohne Kathedralen sein. Auch braucht es keine Orgel. Die Andacht betender Menschen ist erhebend, tröstend. Das kann sehr hilfreich sein. Aber damit steht und fällt nichts. 

Und das Entscheidende der Bibel ist weder die Mächtigkeit ihrer Worte, die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie.

Alle diese Dinge, die Pascal Mercier da benennt, sind schön. Sie haben ihr Recht. Wie sehr sie ihr Recht haben, lässt sich daran ermessen, dass Zwingli 1528 die Orgel aus dem Großmünster in Zürich entfernen liess – das Herz muss ihm geblutet haben, denn er soll Orgelmusik geliebt haben, war überaus musikalisch und auch musikalisch professionalisiert. 

Er hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet – natürlich ist eine Orgel kein Christus. Aber sie kann hilfreich auf dem Weg zu Gott sein. Sie wie eine Kathedrale kann ein starker Hinweis auf Gottes Überweltlichkeit sein.

Ja, der christliche Glaube kann auf dies alles verzichten. Aber auf Christus verzichtet er nicht, auf Vertrauen und Geborgenheit. Und das Wichtige an der Heiligen Schrift ist eben, dass sie genau das verkündet, in welchen Worten auch immer. Menschen kritisieren ihre Worte, ihre Wortwahl, besonders wo sie nicht hymnisch ist, sondern schlichte Umgangssprache verwendet. Aber selbst da redet sie von Christus, sein Lied singt sie, seinen Hymnus: Christus – für dich.

Und so verstehen wir es recht: Er ist es auch, der uns den Glauben gegeben hat. Da hat jeder Christ seine eigene Geschichte. Das ist etwas faszinierendes: Christen marschieren nicht im Glaubensgleichschritt. Sondern jeder geht in seinem Tempo und mit seinem Schritt: Gott vergewaltigt keine Persönlichkeiten, auch wenn sie durch Sünde geprägt sind, sondern er führt dich von deinem ureigenen Platz in sein himmlisches Reich. Und hoffentlich vertraust du ihm und gehst mit.

Da schauen wir wieder auf die Jünger. Die Apostel sind es hier, die Zwölf, die meisten von ihnen die ersten Bischöfe, die ja eigentlich Missionsbischöfe waren, Missionare, die tatsächlich nichts hatten als Vertrauen genannt Glauben, und das in ungeheuerer Stärke. Hier aber bitten sie um einen solchen Glauben. Sie machen ihn nicht selber. Niemand kann das. So entstehen Ideologien in sich selbst Verliebter.

Den wahren Glauben schenkt Gott allein. Und genau das will er auch tun. Er will geben. Reichlich!

Wir reden da nicht gern drüber. das ist uns peinlich. Aber das braucht es uns nicht zu sein. 

Herrlich ist es doch, wenn der Herr dir geholfen hat! Aber warum soll man das nicht mitteilen? Weil ein preußischer König Religion zu Privatsache gemacht hat? 

Sie ist es aber nicht. Wenn Christen Nein zu Abtreibung sagen, dann ist das nicht mehr privat. Und wenn umgekehrt Staaten in Zeiten der Corona Gottesdienste verbieten, dann anerkennen sie damit eine gewisse Öffentlichkeit von Gottesdiensten – freilich ohne das beabsichtig zu haben.

In Nordkorea etwas über den christlichen Glauben zu sagen ist lebensgefährlich. Auch in Afghanistan grenzt das nun schon an Selbstvernichtung. Wenn die Bilder stimmen, die ich sah – inhaltlich glaubwürdig sind sie allzumal -, dass die Taliban erneut  Musikinstrumente zerstört haben, Trommeln, einen Flügel und wohl anderes mehr, dann darf man sicher sein, dass diese Barbarei bei Flügeln nicht halt machen wird. 

Und doch glauben Menschen an den Gott, der sich in der Bibel offenbart, und ihr Glaube ist unvernünftig und irrational. Aber er ist so siegreich wie der Glaube Jesu, weil er die Sucht nach diesseitigem Leben das innere Wissen um die Teilhabe an Gottes Ewigkeit entgegensetzt. 

Es ist der Glaube, der wie die Epistel, die wir vorhin gehört haben, weiß: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ 

Es ist der Glaube, der das Evangelium versteht und lebt: „Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“

Es ist der Glaube,  der uns zusammengeführt hat, Es ist ja der Heiland selber. Ein Glaube, der aus der Vergebung lebt und selber vergibt. Ein Glaube, den die Welt nicht versteht. Aber der seit fast 2000 Jahren Menschen ergreift, ganz ohne Zwang, aber ganz irrational mit großer Kraft.

So wollen wir mit den Jüngern beten: Stärke uns den Glauben! Und wenn Gott das umsetzt, dann entstehen nicht unbedingt Kathedralen aus Steinen, aber Gottes Haus die Kirche, also die vielen Christen, deren Eckstein Christus ist. 

Dann entstehen nicht unbedingt Orgeln, gewiss aber neue Lieder, die das alte Lied von Gottes Herrlichkeit in neuen Melodien singen.

Dann entsteht schon gar nicht eine neue Bibel – das wäre ein ketzerisches Buch. Aber dann bewirkt das Wort der Bibel, dass der Glauben gestärkt wird, Dann werden Menschen gläubig, dann wandelt sie Gott.

Dann wird das ganz normale Leben ein ganz anderes. Lass dir an meiner Gnade genügen, sagt uns Gott.

Und tatsächlich – genau so ist es. Sie ist es, die Basis für Glauben ist. Sie trägt uns, läßt uns ertragen. 

Amen