Keine richtige Kirche mit Turm und Orgel?

Wir heute sind daran gewöhnt, dass Gottesdienste in Kirchen abgehalten werden. Kirchgebäude gibt es viele im westlichen Teil Deutschlands – das wird einem klar, wenn man im Ausland Ferien macht. Gerade in Neubaugebieten gibt es sehr oft keine Kirchen.

Eine Kirche kann es nur geben, wo eine Gemeinde ist. Und die muss schon ziemlich groß sein, um ein Kirchgebäude finanzieren zu können.

Aufschlussreich ist ein Blick in die Kirchengeschichte. Die ersten Christen hatte nämlich auch keine Kirchengebäude. Sie trafen sich in sogenannten Hauskirchen. Dieser Zustand hielt solange an, bis der Kirche ein rechtlicher Status garantiert und sie nicht mehr verfolgt wurde. Das war mit dem Edikt von Mailand der Fall.

Halten wir fest: Um einen Gottesdienst abzuhalten, braucht man nicht notwendigerweise ein Kirchgebäude – auch wenn das natürlich schöner ist. Schließlich verfügt die Architektur einer Kirche über Eigenarten, die dem Gebrauch als Gottesdienstraum unterstützen: eine geeignete Akustik, die Orientierung aller Elemente nach Osten, Platz für eine Kirchenorgel, für den Chor. Die alten Kirchbänke waren mit einer Knievorrichtung versehen – normale Stühle haben das nicht. Das ist eigentlich störend, zumal uns der Brauch, auf dem Boden zu knien, abhanden gekommen ist.

Die jesuitischen barocken Prachtkirchen stehen in ihrem Wesen den Versammlungsräumen der ersten Christen diametral entgegen. Sie sind natürlich architektonisch und gestalterisch faszinierend. Aber genau das ist auch ihr Problem: Die Herrlichkeit Gottes kann kein Gold der Welt wiedergeben, die Erleichterung über die Befreiung von Sünden übersteigt die Dimensionen aller vorstellbaren Gebäude.

Die modernen Formen – kein Knien, viel Sitzen, immer alles schön bequem – passen natürlich zu der Behauptung, in den alten Hauskirchen sei es sehr informell zugegangen – wie in einem Wohnzimmer eben, wenn liebe Gäste zu Besuch sind. Auch wenn das bis heute an Universitäten gelehrt wird – stimmt das überhaupt?

Zum einen spricht etwas dagegen, was man schlußfolgern muss. Der frühchristliche Gottesdienst ist aus der Synagoge erwachsen (die ersten Christen waren Judenchristen!), und dort ging es mitnichten unverbindlich und locker zu.

Zum anderen ist uns ein Text erhalten, der ungefähr um 250 nach Christus geschrieben wurde, die Didaskalia.

Dieser Text sei hier zitiert. Ich habe ihn nur auf Englisch im Internet gefunden. Die folgenden Punkte habe ich zur Orientierung eingefügt.

Aus des Text ergibt sich:

1. Priester zelebrierten in Richtung (liturgischer) Osten; der heutige Brauch, dass der Geistliche während des Gottesdienst auf die Gemeinde blickt, wird ausgeschlossen.

2. Beim Beten wurde gestanden. Die heutigen Sitzgottesdienste gab es nicht.

3. Die Älteren saßen vorn, die Jüngeren hinten. Männer und Frauen saßen getrennt.

4. Alles geschah in Ordnung. 

5. Diakone sorgten für die Einhaltung dieser Ordnung. Überhaupt: Eine gewisse Disziplin ist nötig, um konzentriert dem Wort Gottes zuhören zu können.

6. Diakone hielten die Türen geschlossen und standen Wache, um Störungen des Gottesdienstes zu verhindern.

Hübsch ist der letzte Satz – damals waren die Menschen genauso drauf wie heute:

And let the deacon also see that no one whispers, or falls asleep, or laughs, or makes signs.

(Und lass den Diakon darauf achten, dass niemand flüstern, einschläft oder lacht oder (zu anderen) Zeichen macht.)

Auch damals waren Kinder im Gottesdienst (Ungetaufte durften nicht teilnehmen, also waren die Kinder getauft!), und auch damals waren sie nicht immer ruhig. Also befanden sie sich mit ihren Müttern in Türnähe: wenn es zu laut wurde, konnte man schnell nach draußen gehen und dann wieder zurückkehren (7).

Wenn wir nun Gottesdienst in einem Saal halten, dann wissen wir zweierlei:

Wir bewegen uns in der Tradition der alten Kirchen.

So Gott will, werden wir eines Tages auch ein Kirchgebäude haben.

Und noch etwas ist sicher, und das ist ganz und gar wichtig: Der jetzige Zustand tut der Gültigkeit des Gottesdienstes keinen Abbruch!

 

Aus der Didaskalia:

CHAPTER XII

To Bishops: that they should be peaceable.

[ii. 57] And you the bishops, be not hard, nor tyrannical, nor wrathful, and be not rough with the people of God which is delivered into your hands. And destroy not the Lord’s house nor scatter His people; but convert all, that you may be helpers with God; and gather the faithful with much meekness and long-suffering and patience, and without anger, and with doctrine and exhortation, as ministers of the kingdom everlasting.

And in your congregations in the holy churches hold your assemblies with all decent order (4), and appoint the places for the brethren with care and gravity. And for the presbyters let there be assigned a place in the eastern part of the house; and let the bishop’s throne be set in their midst, and let the presbyters sit with him. And again, let the lay men sit in another part of the house toward the east. For so it should be, that in the eastern part of the house the presbyters sit with the bishops, and next the lay men, and then the women (1) that when you stand up to pray (2), the rulers may stand first, and after them the lay men, and then the women also. For it is required that you pray toward the east (1), as knowing that which is written: Give ye glory to God, who rideth upon the heaven of heavens toward the east [Ps 67.34 LXX].

But of the deacons let one stand always by the oblations of the Eucharist; and let another stand without by the door and observe them that come in; and afterwards (5), when you offer, let them minister together in the Church. And if anyone be found sitting out of his place, let the deacon who is within reprove him and make him to rise up and sit in a place that is meet for him. For our Lord likened the Church to a fold; for as we see the dumb animals, oxen and sheep (p. 57) and goats, lie down and rise up, and feed and chew the cud, according to their families, and none of them separate itself from its kind; and (see) the wild beasts also severally range with their like upon the mountains: so likewise in the Church ought those who are young to sit apart, if there be room, and if not to stand up; and those who are advanced in years to sit apart. And let the children stand on one side, or let their fathers and mothers take them to them; and let them stand up. And let the young girls also sit apart; but if there be no room, let them stand up behind the women (3). And let the young women who are married and have children stand apart (7), and the aged women and widows sit apart. And let the deacon see that each of them on entering goes to his place, that no one may sit out of his place. And let the deacon also see that no one whispers, or falls asleep, or laughs, or makes signs. For so it should be, that with decency and decorum they watch in the Church, with ears attentive to the word of the Lord.

http://www.bombaxo.com/didascalia.html

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