Erntedank 2026

Lukas 12:13-21 

Es war vor über sechs Jahren. In Gevelsberg. Es dämmert schon, und die Straßenbeleuchtung im diesem Gewerbegebiet ist nicht besonders stark. Trübes Licht, filmreif. Ganovendämmerung.

Zwei männliche Polizisten führen eine Verkehrskontrolle durch. Sie halten ein Auto an. Von der anderen Seite nähert sich ein Polizeibulli. Die Polizistinnen Nadina A. und Patricia B. sind auf Streife. Sie wollen vorbei fahren, das wäre in Ordnung. Aber da kommt ihnen die Szenen komisch vor. Sie halten an, steigen aus. Und in diesem Moment fallen Schüsse.

Wie reagieren die beiden? Geben sie Warnschüsse ab? Helfen sie den Kollegen irgendwie? Weit gefehlt. Sie halten ein gerade vorbeikommendes Auto an und fliehen. Später erst informieren sie die Polizeileitstelle.

Die Sache ist inzwischen vor Gericht verhandelt worden. Über das Verhalten der Beiden liesse sich jetzt spekulieren. Machen wir nicht. 

Uns interessiert nur ein Aspekt. Instinktiv haben die Frauen durch ihr Verhalten ausgedrückt, was wichtig für sie war. Der Angst um ihr eigenes Leben war stärker als ihr Diensteid, als die freiwillig eingegangene polizeiliche Verpflichtung. Die verpflichtet sie dazu, ihren Kollegen beizustehen.

Die nicht vorhersehbare Situation, auf die sie sich nicht mental konkret vorbereiten konnten, hat offenbart, wie es in ihnen aussah.

Und genau das ist das, was Jesus mit seinem Gleichnis anspricht. Einige Schlüsselwörter lassen uns ja sofort bestimmte Themen assoziieren. 

Aber: Es geht nicht um Reichtum. Es geht nicht um Armut. Es geht nicht um soziale Gerechtigkeit.

Wir lesen glatt über das Wort „reicher Mann, dessen Land..“: also reicher Bauer hinweg. Wir sind latent politisch geschult: Soziale Gerechtigkeit bitte. Wieso ist der einfach reich? Wie hat der das erworben? Durch Unterdrückung seiner Landarbeiter, ja Ausbeutung? Wir lesen in der Zeitung von Versuchen von Parteien, die Besteuerung der Reichen zu verschärfen: Geschieht ihnen doch recht! Aber da wird bloß sozialer Neid geschürt. Haß gesät. Auf den Klassenfeind, wie das lange hieß und bei einigen noch immer heißt. An mögliche Probleme aber kommt man so nicht ran.

Gibt es bei dem reichen Bauern eines?

Unser Brot steht selbstverständlich im Regal des Supermarktes. Wir haben genug Geld, es zu bezahlen. Da geht es schon los: Weltweit dürfte das so nicht gelten. Und mehr noch: Weltweit dürfte es viele geben, die ihr Brot selber backen müssen. Weil es in ihrer Region weder Supermärkte noch Bäcker gibt.

Wie es früher überall war, auch zur Zeit Jesu. Und was der Bauer da gemacht hat, das war klug und vernünftig, das war genau richtig. Er hat die Felder sorgsam bestellt, harte Arbeit übrigens, ohne Landwirtschaftsmaschinen erst recht, da ist man abends „durch“. Seine Kompetenz war gesegnet durch einen guten Sommer: eine gute Ernte hatte er eingebracht. Das war doch wunderbar! Wir würden sagen: Gott hat ihn gesegnet. Es ist sogar nicht unmöglich, dass er das selber so gedacht hat.

Und wenn er angesichts seines vorzüglich laufenden Betriebes größere Scheunen baut, dann ist auch das richtig. Wo soll das Mehr an Ernte denn lagern? Da, wo Regen und Wind es zerstören? Jeder kluge Bauer macht das so, ja, auch LPGs (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften der DDR), Raiffeisengenossenschaften, Kooperativen. Nicht nur der einzelne Landwirt. Alle. Man wäre sonst ja unsäglich dumm.

Sein Problem liegt an anderer Stelle. Er sagt:

„Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“

Und genau hier irrt er. Genau hier tritt seine wahre Natur zutage. Wie bei den Polizistinnen.

In einigen Bibelausgabe ist der Abschnitt überschrieben mit „Warnung vor Habgier“. Gewiss, Jesus sagt: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“

Aber geht es wirklich um Habgier? Der Bauer wurde nicht reich, weil er habgierig war, sondern weil er ein kundiger Fachmann war, dessen Tun Gott gedeihen liess.

Es ist das die ganze Zeit Unausgesprochene, auf das wir wohl kommen sollen. Es geht nicht um unserer ethisches Verhalten: Das Rechte tun. Gesinnung und Moral haben.

„Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ – aber wovon lebt er dann?

Wofür lebt er dann?

Übrigens tadelt Gott auch nicht, dass der Bauer sich über die Gaben freut.

„Habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ Dass diese Ansicht auf dem erworbenen Reichtum ruht. Ja, iss und trink! Aber:

Das Glas Wein am Abend ist nicht das Ziel. Die neue tolle Scheune ist es auch nicht. Die neue Polstergarnitur nicht. Auch nicht der noch größere neue Fernseher.

Jesus spricht klar aus, was viele nicht hören wollen, leider viele auch nicht predigen. Aber es steht da. Es ist klares Wort Gottes: Wort Gottes, das darauf zielt, dass wir leben sollen. Im vollen Sinn des Wortes.

Leben ist auch nicht die Disko in Stockholm, an der wir vorbeigingen – an der Königlichen Oper gelegen sogar, aber ungeheurer Krach, aufgebrezelte junge Frauen, Männer mit überaus gepflegten Bärten und viel Parfüm. Die Liste könnte ich fortführen…Und auch ganz anders Fragen: Ist das das volle Leben, wenn wir im materiellen Überfluss leben? Allmählich sorgen sich die Deutschen laut Umfrage, dass der Überfluss versiegen könnte. Danach gibt es kein Leben mehr?

Wir feiern doch Erntedank, wir freuen uns über die Ernte und sind dankbar dafür. Dass Gott Gedeihen gegeben hat. Aber er will noch ganz anderes Gedeihen geben, eine ganz andere Ernte.

Das Augenmerk geht in eine ganz andere Richtung, eine, die der moderne Mensch nicht hören will, die ihm fremd geworden ist, die er wegdrückt und verschweigt. Und die ihn doch ereilt. 

Dem Bauern wird klar gesagt: Du hast das Wesentliche versäumt. Um das hast du dich nicht gekümmert. Gott sagt nicht: Du hast an mich nicht geglaubt. Du hast mich verleugnet – und so weiter.

Er sagt: Du bist auf Erden reich – aber das ist vergänglich. Es wird spätestens von dir weggehen, wenn du weggehen musst.

Was du nicht hast: Du bist nicht reich bei mir.

Nicht reich bei Gott? Was soll das bedeuten? Arm bei Gott sind wir, wenn uns unsere Sünden von ihm trennen. Wenn wir für das Materielle, also hier die Scheunen, leben, nicht aber auf Gott zu.

Reich sind wir, wenn wir uns unsere Sünden vergeben lassen.

Reich sind wir, wenn und weil wir Gottes Kinder sind. Das ist Reichtum:

1. Johannes K 3: Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!

K 4, 13: Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollendet, auf dass wir die Freiheit haben, zu reden am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.

Gewiss, diese Art von Gottbezogenheit gibt erst Christus. Aber, das dürfen wir zurecht annehmen: Der reiche Bauer gehörte zum auserwählten Volk Gottes. Teilhaber der besonderen Liebe Gottes, die ihn hält und die er weitergeben mag.

Der Bauer und auch wir: Gottes Gnade ist es, die uns reich macht. Die Frieden zwischen Gott und uns stiftet. Aber dem Bauern war das wohl egal.

Schlichtweg ist es falsch, hier auf 1. Tim 6 zu verweisen:

Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, zum Teilen bereit sind und sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Das wäre an dieser Stelle ganz innerweltlich gedacht. Da wird ein neues Gesetz aufgerichtet. Paulus hat das so nicht gemeint. Ein paar Verse vorher lesen wir:

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen. 

Also: Lasst Dir dein Gottvertrauen nicht nehmen. Gott hat dich dahinein gesetzt. Sein Wille ist das. Zum ewigen Leben führt das. Und nun, wo du das kapiert hast, da denke mal nach, warum Gott dich reich gemacht hat! Und, durchaus: Gib, wo du kannst, weil es gebraucht wird.

Reich bei Gott sein oder werden – das wäre die rechte Überschrift für unseren Bibelabschnitt. „Der reiche Kornbauer“ – das lässt irrige Gedanken wach werden. Innerweltliche. Harte Gedanken, die von Gottes Liebe nichts wissen, nur von menschlichem Gerechtigkeitsstreben. Vom Neid.

Einige englische Bibelübersetzungen sagen: The Parable of the Rich Fool. Das Gleichnis vom reichen Dummkopf. – Da sind wir schon auf der richtigen Fährte. Wie klug ist, wer Gottes Liebe ablehnt?

Aber die richtige Überschrift ist etwas wie „Reich sein bei Gott – und sonst gar nichts“.

Luther hat es prägnant formuliert, und zwar im großen Katechismus: „Alles, worauf du dein Vertrauen setzt, das ist dein Gott.“

Und das sollen eben nicht materielle Werte sein. Mein Vertrauen setze ich auf Gott allein. Und glaube mir: Das reicht völlig. Das trägt sogar durch Not. Besser als gefüllte Scheunen. Deren Überfluß ist irgendwann aufgebraucht. Aber die Fülle bei Gott ist grenzenlos.Wie sonst können verfolgte Christen in aller Welt sonst Christen bleiben!

Zu diesem Vertrauen verhelfe uns der liebe Gott.

Amen.