Schon vergessen? Das Vaterunser des Papstes

Vortrag zum Nachtrag

Gleichzeitig mit der Veröffentlichung meines Nachtrages ging die Diskussion wieder los – von mir in der Provinz unbemerkt: siehe hier.

Nachtrag zum Vaterunser

„Wir haben dich gewählt, damit du Reformen durchführst und nicht, damit du alles zerstörst.“ So soll am St. Barbaratag ein Kardinal den Papst angebrüllt haben. http://kath.net/news/62030

Wie auch immer – mit der Behauptung, das Vaterunser sei nicht gut ins Deutsche übersetzt, trifft der Papst nicht die Wahrheit. So zerstört er Vertrauen in sein Lehramt.

Anlass für Franziskus war allerdings die französische Übersetzung. Und da sieht es etwas anders aus. Die traditionelle röm.-kath. Version gibt die sechste Bitte so wieder: „Et ne nous soumets pas à la tentation.“ Wie übersetzt man das Verb soumettre? Richtig, „unterwerfen“. Also: „Und unterwirf uns nicht der Versuchung.“ Und das widerspricht tatsächlich nicht nur dem Jakobusbrief (K1, 13ff). Jakobus hält fest, dass Gott niemanden versucht, die Kräfte der Versuchung aber auch in uns sind. Damit verweist Jakobus quasi auf den Römerbrief (Röm. 3,23): Auch wenn es weder dem Menschen noch einigen Kirchen gefällt – der Mensch ist nicht gut und alles ist in Ordnung. Er ist schwach, läßt sich versuchen und gibt nach, sündigt (handelt damit gegen Gott und das, was für ihn gut wäre). Das ist seine Natur – in einer gefallenen Welt.

Der Ausweg steht in der siebten Bitte: Und erlöse uns vom Übel – oder vom Bösen: von dem, was uns von Gott wegzieht, also von Kräften der Finsternis.

Da ist die seit dem 3. Dezember 2017 verbindliche französische Übersetzung schon richtiger: „Et ne nous laisse pas entrer en tentation“: Und lass uns nicht in Versuchung (ein)treten.

Aber sie hat doch einen Fehler. Sie minimiert Gott und betont den menschlichen Aktivismus. Den Kampf gegen die Versuchung könne der Mensch offenbar ziemlich erfolgreich führen. Das steht im Gegensatz zu Röm 3,23!

Die – korrekte – deutsche Übersetzung betont hingegen, dass der Mensch in einem Kampf steht: Auf der einen Seite Gott, der führen möchte, und auf der anderen Seite das Böse, gegen das man sich richten muss, dass einen erobern möchte, nicht nur äußerlich, sondern auch von innen. Das einen ständig von Gott wegziehen möchte. Ist es da falsch, das „Böse“ der siebten Bitte als Teufel zu personalisieren? Die Erfahrungen der Menschen legen das nahe. (Papst Franziskus: „Satan steht für das konkrete Böse und nicht für eine diffuse Sache“)

So hat Papst Franziskus für seine französischen Katholiken durchaus reformiert, vielleicht nicht gründlich genug. Aber die falsche Theologie der „Demut“ (selbstgefertige Zerknirschung), „Unterwerfung“, Selbstaufgabe, ja Selbstkasteiung – sie ist nun aus dem Vaterunser entfernt.

Für Deutschland aber bringt der Papst die Dinge durcheinander. –

Dass das Übersetzungsproblem erst jetzt auffällt, nach vielen Jahrhunderten, gibt zu denken. Welche Theologie hat übersetzen lassen, der Mensch möge nicht unterworfen werden? Welche menschlichen Herrschaftsvorstellungen habe die Übersetzung hervorgebracht, welche Gottesbilder? Die der Bibel waren es wohl kaum – da finden wir tröstliche Sätze wie in Mt 10,45: „…gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ Das sind Worte tiefster Liebe und Hoffnung. Da gibt sich der Herrscher für die Seinen hin. Wenn sich hier einer unterwirft, dann ist es Christus! Für uns.

Wenn ich vorher schrieb, der Blick in den Kleinen Katechismus Luthers hätte die ganze Diskussion erübrigt, dann kann ich heute mit einem weitere Verweis auf die selbstherrlich verworfenen Protestanten führen.

Der reformierte Schweitzer Theologe und Hebraist Louis Segond übersetzte schon 1871: „Ne nous induis pas en tentation, mais délivre-nous du mal.“ Das ist genau am griechischen Urtext: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Auch die Revision von 1978 bleibt bei dieser Übersetzung nahe: „Ne nous laisse pas entrer dans la tentation, mais délivre-nous du Malin.“ – Lass uns nicht in Versuchung treten. Klarer noch kommt des Papstes Anliegen hier zum Ausdruck. – „Le Malin“ ist das Böse.

Und auch die in der röm.-kath. Kirche gültige Vulgata übersetzt nicht anders: „et ne nos inducas in tentationem“ Aus lateinisch „inducas=inducere“ wird französisch „induis – induire“. Leider ist das Wort nicht sehr gebräuchlich. Immerhin: Die Nähe zum heutige conduire – führen ist offensichtlich genug.

Welche Kräfte bewegen dazu, sich daran nicht zu halten? An die Vulgata nämlich und an den richtigen Vorschlage des reformierten Pfarrers? Und der Versuchung nachzugeben, sich zum (theologischen) Herren über die Heilige Schrift aufzuschwingen?

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!

Nachtrag zum Nachtrag: Unsere frankophone kanadische Schwesterkirche (LCC/ELC) benutzt die Übersetzung von Louis Segond und die Revision „La Colombe“. Und dort heißt es ja: „..mais délivre-nous du Malin“ – und erlöse uns von dem Bösen. Darf auch die Sehnsucht nach Vermeidung unsinniger Streitereien in der Kirche darunter gefaßt werden – damit wir uns der Hauptaufgabe widmen können: Die Verkündigung des Reiches Gottes, in das niemand ohne Glauben an Jesus Christus eintreten kann?

Schlusswort für römische Katholiken sicher hier.

 

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